25./26.04.2009 Leipziger Volkszeitung
Großoffensive an der Glasfront
Frühjahrsputz ist auch die Zeit für den vollen Durchblick. Glasreiniger-Profis halten allein in Sachsen und Thüringen zig Hektar ihrer durchsichtigen Spielwiese blank – ein Knochenjob in Schwindel erregenden Höhen.
Von alleene geht gar nüscht“, sagt Achim Schmidt und winkt ab. Selbstreinigungseffekt hin oder her: „Glas ist Glas – das will schon geputzt werden.“ So einfach ist das. Und
so schwierig. Wo Profis wie er überall hinmüssen, um Dreckscheiben beizukommen, ist oft Schwindel erregend. Von WINFRIED MAHR
Es tue zwar nicht weh, wenn er mit seiner Frau durch die Straßen geht und versiffte Scheiben sieht, die längst jeden Glanz verloren haben, sagt der Gebäudereinigermeister „Aber so was stört mich schon irgendwie“, gibt der 46-Jährige zu. Der Riesaer ist seit 17 Jahren Gebäudereiniger und längst auch Meister seines Fachs. Dabei kommt er als Quereinsteiger aus einem Metier, wo es nicht gerade picobello zuging. „Als gelernter Walzwerker habe ich in Zeithain allerhand Staub schlucken müssen.“ Als das Stahl- und Walzwerk nach der Wende kräftig Personal abspeckte, schulten die meisten Betroffenen zum Gas-/Wasser-Installateur um.
Mit seiner Entscheidung für Gebäudereinigung sei er damals ein Exot gewesen, erinnert sich der Sachse Schmidt.
„Aber Reenemachen hat mich noch gejuckt …“
Heute ist er bei der europaweit tätigen Firma R+S Dienstleistungen für acht Glasreiniger zuständig, deren Aktionsradius von Aschersleben bis Zittau reicht. Oft muss er selbst mit ran, denn Frühjahr bedeute Großoffensive an der Glasfront. „Allein am Umweltbundesamt in Dessau mit 10 000 Quadratmetern Glasfläche haben wir fast einen Monat lang zu tun“, sagt er. Eigentlich putzen die Profis bei jedem Wetter bis sieben Grad unter Null, aber mit den Frühlingstemperaturen steige vielfach das Bedürfnis nach vollem Durchblick ins Freie. „Ob das an den Knospen oder den kürzeren Röcken liegt, behalten die Kunden für sich“, erklärt Schmidt mit einem Augenzwinkern.
Dass seine Gilde noch kein allzu hohes Ansehen in der Öffentlichkeit genießt, sondern eher als Putzkolonne abgetan wird, lässt den Vater und Großvater ziemlich kalt: „Für mich ist es ein abwechslungsreicher Beruf, der flexible und motivierte Leute braucht. Mit Wisch und Weg ist es nicht getan. Wir haben viel mit Chemikalien, Maschinen und Hebezeugen zu tun.“ Bereut habe er seine Entscheidung noch nie: „Ich seh’ das so: Während viele zu Hause sitzen und finanziell am Tropf hängen, kann ich aus eigener Kraft meine Familie ernähren. Und das fühlt sich gut an.“ Auf die Frage, wer bei ihm daheim putze: „Die paar Scheiben mache ich nebenbei mal mit. Das geht fixer als bei meiner Frau.“
Auffällig ist, dass kaum Frauen den GlasreinigerBeruf ausüben. „Wir arbeiten oft mit schweren Wassereimern in großen Höhen, das hält kaum eine Frau den ganzen Tag durch“, erklärt Schmidt.
„Das ist ein Knochenjob.“
Auch die Unfallgefahr sei nicht zu unterschätzen. Jedes Jahr kommt es beim Hausputz zu tragischen Zwischenfällen. Jüngstes prominentes Beispiel war der Finanzwissenschaftler Helmut Seitz (52), der zu Monatsbeginn in Dresden ums Leben kam. Der Professor der Technischen Universität war am 1. April vom Balkon im neunten Stock eines Hochhauses in Dresden gestürzt. Auch der Pädagogik-Studentin Christiane Weiß ist „nicht ganz wohl“, wie sie zugibt, als sie die fest eingebauten Oberlichter ihrer Stubenfenster im vierten Stock eines Mietshauses in der Leipziger Südvorstadt putzen will und dazu auf den Fenstersims hinaustreten muss.
„Eigentlich müsste ich mich mit einem Seil absichern“, gesteht die 26-Jährige. „Aber das ist mir zu albern. Wird schon schiefgehen …“ Meister Schmidt hütet sich vor Routinefehlern. Privatleuten rät er, in kniffligen Fällen lieber Profis ranzulassen. In den 17 Jahren, die er dabei ist, habe es noch keinen schweren Unfall in der Firma gegeben. In der Branche wächst allerdings der Konkurrenzdruck, weil immer mehr Firmen aus dem In- und Ausland um einen ausgereizten Markt buhlen.
Auch die Automatisierung nimmt zu. Die 25 000 Quadratmeter Glas an der Haupthalle der Neuen Messe Leipzig reinigt zum Beispiel der weltweit erste vollautomatische Reinigungsroboter für gewölbte Glasflächen‚ eine Spezialanfertigung des Magdeburger Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung.
Schlaflose Nächte oder Zukunftsängste haben Schmidt und Kollegen deswegen keine. „Wir wissen, was wir können. Solange der Preiskampf nicht auf Kosten des Arbeitsschutzes geht, heißt es leben und leben lassen.“ Geheimtipps oder Spezialessenzen für blanke Scheiben hat er angeblich nicht in petto:
„Wir arbeiten ganz transparent, mit Fitwasser, Einweicher und Abzieher. Und einem Ziegenleder für die Ecken.“